der Klang von Zuckerwatte

Ein Liebesbrief an Tokyo

Wir verlassen den Zug dessen Türen mit sanfter Musik aus den Lautsprechern der Metro-Station hinter uns schließen bevor er weiter rattert. Die Luft schmeckt geradezu nach Meer und frischem Fisch. Selbst hier unten. Obwohl wir noch ein Stückchen laufen müssen, bevor wir tatsächlich den Tsukiji Fisch Markt betreten.

Und der Geruch kitzelt mich wach. Es ist früher Morgen. Nicht zu früh doch früh genug und mit dem Jet Lag der immer noch schwer in meinen Gliedern liegt fühlt es sich an wie eine seltsame Zeit und ein beinahe unwirklicher Ort. Die ganze Situation fühlt sich seltsam an, wenn ich ganz ehrlich mit mir bin. Surreal. Ich bin in Tokyo. Tatsächlich. Und ich kann mein Glück immer noch nicht so ganz fassen.

Die Stadt hat uns bereits am gestrigen Nachmittag an einem der betriebsamsten Bahnstationen der Welt begrüßt. Shinjuku ist ein merkwürdiger, wunderbarer Ort, summt mit Menschen und Leben und dennoch, irgendwie, ist hier alles so verblüffend leise.

Leise ist wahrscheinlich das treffendste Wort für unsere zwei Wochen hier, wenn auch zugleich das überraschendste. Es ist ein Wort, das man nie im Leben mit dieser Metropole in Verbindung bringen würde, bis man dann selbst einmal einen Fuß hinein gesetzt hat. Kein Wunder. Die Bilder, die man überall in den Medien sieht, ob auf Fotos, in Videos oder in den Nachrichten, sind selten leer von Menschenmassen und insbesondere die Rush Hour und die Flut an Menschen auf der berühmten Kreuzung von Shibuya haften Tokyo an wie ein Stigma.

Aber wenn man dann dort ist und in dem Flüstern der Stadt innehält…

…kann man jeden einzelnen Schritt der Fußgänger hören. Nicht klackernde Absatzschuhe, nein. Tatsächliche Fußstapfen auf Gummisohlen von hunderten von Menschen. Die Straßen sind voll und der Straßenverkehr brummt, doch erscheint einem ruhig. Menschen reden nicht allzu viel hier in der Öffentlichkeit und wenn sie es tun, oft mit fast schon gedämpfter Stimme. Man benutzt hier den Zug um von einem Ort zum anderen zu kommen und selbst hier ist man leise. Still. Ohne Worte. In den ersten zwei Tagen hier fühlt es sich fast ein wenig an als würde man schlafwandeln, bis man dann die kleinen Feinheiten und Unterschiede bemerkt. Die Menschen schauen morgens ernster drein als am Abend, schläfrige Augen auf die Handy-Displays gerichtet oder geschlossen um noch ein wenig Erholung vor der Arbeit zu bekommen. Wenn Menschen in Gesellschaft unterwegs sind sprechen sie ruhig, respektieren höflich dass andere Menschen ebenfalls unterwegs sind – zur Arbeit oder anderen Terminen – und vielleicht keine Störung ihrer Gedanken oder Routine wünschen.

Die Rush Hour, und ja, die sollten wir auch einmal miterleben, ist tatsächlich „rushed“ und hektisch. Und doch ist sie auf faszinierende Weise ebenfalls ruhig. Beinahe entspannt. Schubsen gibt es nur im Sinne von „wir müssen mehr Menschen in diesen Zug bekommen“ im Gegensatz zu „aus dem Weg!“ Ein kleiner aber bemerkenswerter Unterschied, der einem sofort ins Gesicht schlägt, sobald man zu Hause aus dem Flugzeug steigt.

Die ganze Stadt – das ganze Land – ist so höflich. Menschen geben Ihr bestes um Dich zu verstehen, Dir zu helfen, Dir den Tag etwas angenehmer und unbeschwerter zu gestalten. Sie scheinen sofort zu merken, dass Du nicht nur kein Japaner bist, sondern Dich vielleicht auch noch nicht ganz eingewöhnt hast und Unterstützung benötigst. So zum Beispiel im Konbini (24-Stunden-Lebensmittelladen) wenn man gerade überlegt welchen der ganzen abgefüllten Tees oder Snacks man kaufen mag: „Kann ich vielleicht helfen? Dieser Tee ist mit Zucker.“ / „Ich kann Ihnen diesen Tee empfehlen, der ist viel besser in der Qualität.“ / „Mögen Sie Fisch? Dann können Sie mal diese Thunfisch Onigiri hier probieren (ein scheues Lächeln, eine kleine Verbeugung), die hab ich am liebsten.“ Oder auf dem Bahnhof: „Wö möchten Sie hin? Kann ich Ihnen das richtige Ticket einstellen?“ In der Ramen-Bar: „Wissen Sie schon wie man die Bestellautomaten bedient?“ Meistens sogar in perfektem Englisch. Und wenn nicht… naja. Wir haben alle Hände und Füße und ein Lächeln.

Wir sind noch nicht einmal für 24 Stunden hier und von all der lieben Zuwendung fühlen wir uns jetzt schon ein bisschen verwöhnt. Und nun sind wir hier, auf Tokyos berühmten Fischmarkt, und bereit in die Vielfältigkeit der japanischen Küche einzutauchen.

Die Auktion ist bereits vorbei (dafür sind wir einfach zu spät hier) doch wir sind ohnehin eher für all die Auswahl und die Essens-Stände hier her gekommen. Und für einen kurzen Moment ist alles was wir tun können stehen zu bleiben und zu schauen.

Der erste Händler, der uns auffällt, verkauft Onigiri und wir bereuen es beinahe, aber auch nur beinahe, dass wir bereits damit voll gestopft sind. Ja, genau: Thunfisch. Und ja, wir haben sie auch am liebsten. Das Beinahe-Bedauern verfliegt allerdings sofort in Anbetracht all des Fischs. Wunderschöner, (natürlich) frischer Fisch und Lebensmittel, die wir noch nie vorher zu Gesicht bekommen haben. Seeigel, frisch aus dem Meer. So viele verschiedene Arten an Krustentieren, Muscheln… so viele verschiedene Sorten an Thunfisch allein. Seealgen und -tang überall. Getrockneter Fisch; klein, winzig oder auch groß, so viele Sorten Tintenfisch und Oktopus. Noch mehr Thunfisch!

All das Ganze duftet und betört uns, berauscht uns, macht uns beinahe schon schwindelig vor lauter Glück.

Wir sind tatsächlich hier.

Das Angebot ist atemberaubend. Und da wir gerade früh genug unterwegs sind, haben wir die Gelegenheit alles in Ruhe zu erkunden bevor die Menschenmassen nach und nach in die Gassen tröpfeln, bis um die Mittagszeit herum alles voll ist und die Läden mit frisch gegrillten Fischspießen und mehr locken. Es ist ein bisschen als wären wir ins Essens-Wunderland gefallen und wissen nicht, was wir zuerst probieren sollen.

Und in der Mitte von all dem ganzen Fisch, umringt von Sushi Bars und Sashimi Restaurants, einigen wir uns auf etwas Süßes zu Beginn: Ein Ichigo Daifuku – ein Mochi mit Anko (gezuckerter, roter Bohnenpaste) und einer Erdbeere gefüllt. Die Erdbeere ist herrlich saftig und voller Aromen und passt fantastisch zu der milden Süße der Füllung und der weichen Konsistenz des Mochis selbst. Es ist in etwa so groß wie ein Golfball und nachdem es ein paar Mal von Hand zu Hand gegangen ist, ist alles was davon übrig bleibt nur ein wenig Speisestärke auf Nasenspitzen, Mündern und Wangen. Und zwei breit grinsende Gesichter.

Zu sagen wir hätten in Japan „viel gegrinst“ wäre eine schamlose Untertreibung. Ich für meinen Teil hatte rund um die Uhr so ein breites Lächeln auf meinem Gesicht, dass mir nach nur zwei Tagen die Lippen aufgerissen sind und für den ganzen Rest des Urlaubs höllisch gebrannt haben. Kein Bedauern an dieser Stelle.

Der Tsukiji Fisch Markt war nur der Anfang unserer Reise und wenn man mich fragen würde, was von alledem mir am meisten gefallen hat, wüsste ich nicht einmal wo ich anfangen soll.

Da ist alleine schon die reine Atmosphäre in Tokyo. Die geradezu vibrierende Kultur in der Luft auf der einen Seite und all die Menschen, die Einflüsse, die Tradition auf der anderen. All die Wolkenkratzer, die trotz ihrer Größe und ständigen Präsenz kein bisschen einengen, sondern Dich Tag für Tag aufs Neue staunen lassen, wie wunder-wunderschön sie doch aussehen und beinahe schon ätherisch. Man kommt nicht umhin ihre Anmut zu bewundern und ihre zurückhaltenden Farben die gerade im Frühling so sehr im Kontrast zu dem ersten, zögerlichen Rosa der Sakura stehen. Das Herz singt und man weiß nicht einmal ob man die Blüten betrachten soll oder lieber die Skyline. Es passt einfach zusammen und fügt sich wunderbar ein inmitten der Wohngegenden mit niedrigen Häusern und wunderhübsch arrangierten Eingängen, die – wenn man davor steht – viel größer und zugleich zierlicher erscheinen, als sie eigentlich sind.

Kleine Schreine sind überall versteckt, ob in kleinen Nischen oder Seitengässchen, und größere stehen immer wieder inmitten von weiten Plätzen, umringt von Geschäften und Hotels. Läden schreien teilweise mit Außenwerbung und keine zwei Schritte weiter geht man um die Ecke und findet sich in einer der kleinsten, ruhigsten Straßen wieder, die man sich vorstellen kann.

Es ist ein Ort der Kontraste, wo immer man auch hinschaut, und vielleicht ist gerade das der springende Punkt, der mich noch viel mehr in diesen herrlichen Fleck verlieben lies, als ich es mir in meinen wildesten Träumen erhofft hatte. Und dabei beziehe ich noch nicht einmal all das leckere Essen mit ein.

Ich werde einen Foodie Guide für diese Stadt schreiben, sowie einen kleinen Überblick über unseren Japanurlaub im Allgemeinen, und Euch auch auf einen kurzen Ausflug mit nach Kyoto nehmen.

Fürs erste kann ich nur sagen, das ich diese Stadt schon jetzt nach ein paar Tagen zurück zu Hause so, so unglaublich vermisse, als hätte mir jemand ein beträchtliches Stück aus dem Herz gerissen.

Ein neuer Reiskocher ist bereits auf dem Weg zu uns da unser alter bei weitem nicht mehr mit unseren (wohlgemerkt: Supermarktreis!-) Ansprüchen mithalten kann. Kohlenhydrate und Milchprodukte fühlen sich – nach beinahe 20 Tagen Reis und Fisch und Tee – erstaunlich schwer und unangenehm an. Mein normalerweise ritueller Morgenkaffee, den ich immer so wichtig finde, bereitet mir Kopfschmerzen. Deutschland fühlt sich grau an. Das Essen schmeckt seltsam. Und der Alltag hat uns zurück.

Hoffentlich werden wir irgendwann, eines Tages, wieder zurück kommen. Bis dahin werden wir träumen und unsere Erlebnisse in warmer Erinnerung behalten.

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12 Kommentare zu “Ein Liebesbrief an Tokyo

  1. Daniel Schulz sagt:

    Wunderschön!

  2. Karin Be sagt:

    Sehr interessant, wie die Seeigel angerichtet angeboten werden. Neugierig macht mich die Salatgrundlage.
    Und der essbare Gartenzwerg bringt mich auf Ideen.
    Grüßle

    1. Admin Admin sagt:

      Ganz lieben Dank! Die grüne Beilage zum Seeigel ist Shiso (oder auch „Perilla“, eine Nesselart soweit ich weiß).
      Liebe Grüße!

  3. Schulz sagt:

    Danke fuer den tollen Reisebericht

    Manfred und Ursula

    1. Admin Admin sagt:

      Ganz lieben Dank Ihr beiden! Da kommt auch noch mehr… 😉

  4. Meine liebste Ylva,
    gegrinst – ach was, sehnsüchtigst geschmachtet – habe ich auch beim Lesen hier. Du erzählst soooo schön, da kann man sich ja nur in Tokio verlieben.
    Ich hoffe, der Post-Urlaubsblues ist mittlerweile ein bisschen leichter geworden. Ich freu mich schon so auf mehr Erzählungen (sowohl hier, als auch live!) und Bilder
    Bis ganz bald, ich drück dich <3
    Dani

    1. Admin Admin sagt:

      Liebste Dani! <3
      Es freut mich so riesig, dass sich meine Begeisterung beim Lesen auf Dich übertragen hat 😉 Der Post-Urlaubsblues ist gerade beim Essen immer noch gewaltig. Zum Glück wusste ich ja schon vorher wie man japanisch kocht und kann die Rezepte jetzt perfektionieren. Und wir planen auch bereits den zweiten Japan-Urlaub *hihi
      Bis hoffentlich bald, ich drück Dich zurück <3
      Ylva

  5. Franziska sagt:

    So schön! Ich sitze gerade im Zug auf der Heimfahrt und habe deinen Artikel genossen. Fabi möchte nächstes Jahr nach Japan, wir müssen uns dringend ein paar Tipps von euch abholen! Euren „alten“ Reiskocher würden wir euch gern abkaufen, um zu testen ob das was für uns ist.
    Liebe Grüße
    Franziska

    1. Ylva Ylva sagt:

      Liebste Franziska,
      hach, wie schön, Ihr mögt auch nach Japan?! <3 Gerne geben wir Euch ein paar Tipps und Empfehlungen, wir freuen uns schon drauf. Den alten Reiskocher vererben wir Euch ebenfalls gerne.
      Ich drück Dich feste, bis ganz bald 😉
      Ylva

  6. Mari sagt:

    Wundervoll geschrieben. Und ich bin schon sehr, sehr gespannt auf deine weiteren Erlebnisse in dieser großartigen Stadt. Vielen Dank für deine Eindrücke und die wundervollen Fotos.
    Liebe Grüße, Mari

    1. Ylva Ylva sagt:

      Tausend Dank liebe Mari!
      Ich sitze bereits am nächsten Bericht, hab’s nur leider nicht früher geschafft. Aber ja, es kommt mehr. ; ) Garantiert. Lieben Dank für das tolle Kompliment. Es freut mich riesig, dass Dir der Beitrag so gut gefallen hat.
      Ganz liebe Grüße,
      Ylva

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