der Klang von Zuckerwatte

Ein Einstieg in die zauberhafte Welt des LARPs


*photo by Przemysław Jendroska for Dziobak Larp Studios

“Ich habe drei Tage am Stück nur geheult. Es war die geilste Zeit meines Lebens!” Das ist einer der Erfahrungs-Berichte, die wir während eines der Einführungs-Workshops erzählt bekommen.

Im ersten Moment schreckt er fast ein wenig ab und lässt mich mulmig fühlen. Die Tickets zu diesem Event hatten die liebe Jessi und ich uns im Sommer gekauft und als der Jahreswechsel kam und der tatsächliche Zeitpunkt die Koffer zu packen immer näher rückte, kam das Muffensausen und wurde von Tag zu Tag stärker. Ein paar anstrengende Monate liegen hinter uns und eigentlich hatten wir uns schon fast gefragt, ob wir nicht einfach zu Hause bleiben und uns lieber vor der Welt verstecken sollten. Eine halbe Woche mit 150-200 Fremden, um Zauberschule zu spielen klang im Sommer noch ganz toll. Doch jetzt? Drei Trage weinen am Stück kann doch irgendwie nicht gut sein. Und doch…

Und doch.

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Nun sind wir nach sieben Stunden Fahrt immerhin schon hier, mitten in einem pompösen Zimmer des fast tausend Jahre alten Schloss Zamek Kliczków in Polen, etwa 30 km von der deutschen Grenze entfernt. Die beeindruckenden Möbel sind aus schwerem, alten und dunklem Holz, der Boden aus Stein, die vertäfelten Wände hoch und mit alten Öl-Gemälden verziert (Händel sehe ich hier… von Briefmarken-Motiven kann man doch mehr lernen als man glaubt) und der Kamin ist ein wahres Monstrum an grün-glasiertem Ton das durch die Wand ins Nebenzimmer reicht. Das ganze Schloss ist verwinkelt, durch manche Räume kommt man nur durch eine Zwischentür vom Nebenzimmer, manche Türen sind winzig, andere imposant und mit schweren Vorhängen versehen und ein paar enge, verwinkelte Steintreppen scheinen nirgendwohin zu führen. Draußen ist klirrender Winter, doch hier drinnen ist es herrlich mollig und warm.

Im normalen Alltag ist dies ein vier Sterne Hotel, doch die Gäste sind seit heute morgen alle weg und die Zauberer werden das Gelände bis Sonntag Abend nicht nur für sich alleine haben, sondern haben auch schon angefangen es sich hier magisch einzurichten. Im Untergeschoss sind eine Taverne, ein Alchemielabor und ein Runen-Keller. Einer der Gänge mit Fensterwand in den Schlosshof wurde durch ein zauberhaftes Bücherregal und einige Pflanzen, sowie magische Artefakte schlicht zum Herbarium umgewandelt. Ein paar Meter vor dem Schloss befindet sich der Eingang zum Düsterwald, der für die Primaner verboten ist, und während im Stockwerk über uns die fünf Gemeinschaftsräume der Häuser von der Punktezählmaschine bewacht werden, imponiert der große Speisesaal schon mit den Bannern und geschmückten Tischen.

Ja, tatsächlich… das ganze Ambiente erinnert schon ungemein an die heiß-geliebte Zauberschule aus unseren Lieblingsbüchern. Es gibt sogar eine Schlosskatze und verlaufen haben wir uns heute auch schon (es sollte auch nicht das letzte Mal gewesen sein).

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Mit einer Gruppe von etwa 30 Mitspielern sitze ich nun also im “Molinsaal” des “N.I.M.B.U.S. Colleges” und höre Justine, Stefan und Samuel vom Orga-Team zu um zu hören was uns in den nächsten 2-3 Tagen alles erwartet. Regeln werden hier weitergegeben. Eine kurze Einführung ins LARP im Allgemeinen für Neulinge wie mich. Eine etwas genauere Einführung in das CoW (College of Wizardry) und seine handvoll von Regeln sowie eine ganze Ansammlung mehr an Richtlinien.

“LARP wird Euch vor Momente stellen, die emotional belastend für Euch sind und die Ihr eventuell nicht einmal erklären könnt. Das ist normal und nichts wovor Ihr Angst haben oder für das Ihr Euch schämen müsst. Es gibt hier im Schloss einen Raum mit Kuschelecke, Plüschtieren, Tempos und eine Box mit Medikamenten, inklusive Kondome und die Pille danach. Wir stellen keine Fragen, sind aber für Euch da, wenn Ihr uns braucht.”

Klare Ansagen. Und ich mittendrin.

Was ist, wenn ich nicht mit ‘vollem Körpereinsatz’ spielen will? Was ist, wenn mir etwas unangenehm ist?

Es ist alles so neu. So viele unbekannte Menschen und meine einzige Freundin hier sitzt im Nebenzimmer und denkt wahrscheinlich in genau diesem Moment genau das gleiche wie ich. Vielleicht ist es auch ganz gut, dass wir diese Einführung getrennt voneinander machen, denn sonst könnte uns tatsächlich einfallen doch noch einfach abzuhauen bevor es überhaupt angefangen hat.

Doch schon bei diesem Gedanken kommt die nächste Ansage: “Kommt es irgendwann während des Spiels zu einem Moment, mit dem Ihr Euch nicht wohl fühlt, indem Ihr Euch vielleicht angegriffen oder verletzt fühlt oder den Ihr aus welchem Grund auch immer nicht weiter spielen möchtet oder könnt, sagt klar und deutlich ‘cut!’ Passiert dies, wird der Spieler sofort aus der Szene genommen. Die einzig erlaubte Frage ist: ‘Geht es Dir gut?’ oder ‘Kann man Dir helfen?’ Abgesehen davon: No questions asked – und keinerlei Einwände!”

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Nicken und einige erleichterte Blicke im Saal. Und noch ein paar Richtlinien:

“Wir kommen alle aus unterschiedlichen Kulturkreisen und haben alle einen anderen Hintergrund. Sprecht OT (OutTime, nicht im Spiel befindlich) mit Euren Mitspielern Szenen ab bevor Ihr sie spielt. Steckt zwischenmenschliche Regeln klar fest und fragt den Spieler ob gewisse Dinge bzw. Handlungen in Ordnung wären. Geht es Euch nicht gut zieht Euch zurück. Denkt zuerst an Euch selbst als Spieler und erst danach an Euer Spiel und Euren Charakter. Ihr selbst geht IMMER vor.”

Zustimmendes Nicken und ein paar Fragen von den Spielern zur Sicherheit. Und spätestens hier ist der Moment in dem ich mir sage: “Hey. Die Leute hier sehen alle cool und nett aus. Beim Frühstück haben wir schon miteinander gelacht und Witze gerissen. Ich muss nichts tun, was ich nicht will. Alles wird gut.”

“Mögen die Spiele beginnen!”

* * *

Ein paar Stunden später stehe ich als hexblütige, nervöse Emma Castillo in meinem Mittelalter-Mantel samt Fuchskragen und Lehrlings-Robe neben einer Androidin vor dem Schloss, den Zauberstab fest gepackt, aufgereiht hinter einer Schar an Schülern, die Tertianer zuerst, angeführt vom Haus Flamel, dann die Sekundaner und zum Schluss wir, die Neuen, diejenigen, die sich noch beweisen müssen, und man spürt förmlich die Schmetterlinge im Bauch, das Kribbeln in den Fingern, das Herzklopfen im Hals. Die Aufregung ist real.

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Stefan vom Orga-Team verkündet den Anfang des Spiels und nach einem kurzen Jubel herrscht Totenstille. Und dann die ersten eintönigen Stimmen und Echos in der Nacht als nach und nach die fünf Haus-Mottos für die Häuser Faust, Flamel, Grimm, Krabat und Molin erschallen. Wir Primaner haben auch eine und brüllen mit Inbrunst “Wer sind wir? Wir sind die Zukunft!”

Bloß kein Druck! Es ist ‘bloß eine Zauberschule’. Was kann schon schief gehen?

Schlittern kann man auf dem Weg ins Schloss. Da helfen auch die besten Zaubersprüche nix, doch sobald wir in den Burghof kommen ist das Eis unter den Füßen egal. Fackeln glühen, erleuchten das Schloss in der Dunkelheit, und der Burghof ist voll mit magischen Wesen und ehrfurchtsvoll und einschüchternd dreinblickenden Professoren der Magie.

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Während der nächsten rund 48 Stunden soll Emma Castillo eine wahre Gefühlsachterbahn durchleben. Feen gibt es hier im Schloss und wie man schon aus sämtlichen Mythen weiß ist es gefährlich mit ihnen einen Pakt einzugehen. Heinzel halten das Schloss sauber und überbringen die Post. Zu den Mahlzeiten setzt man sich an den Tisch seinen Hauses und als vorerst Haus-loser Primaner kann es schonmal sein, dass man dazu eine Einladung braucht. Die Lehrer machen einem Angst. Ebenso der strenge Pedell, der im Schloss für Ordnung und Disziplin sorgt. Der Hauspokal lockt mit Ruhm, doch wie bekomme ich genug Punkte?

Doch erst einmal Abendessen! Die Tische in den Hausfarben locken und schrecken gleichermaßen ab. Am Tisch Grimm ist man schon kräftig am feiern, doch irgendwie ist es hier so laut. Bei Krabat ist es ruhiger wenn auch nicht weniger einschüchternd, Flamel macht Emma einfach nur Angst und Faust kommt überhaupt nicht in Frage. Doch bei Molin schaut es nett und freundlich aus. Angelächelt wird man hier und auf die schüchterne Frage ob man sich setzen darf kommt ein eindeutiges und einstimmiges: “Na klar! Komm zu uns.” Emma atmet zum ersten mal auf und kann sich neugierig in der geschäftigen Halle umschauen.

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Die Heinzel heben sich durch ihre einfache Gewandung und die roten Zipfelmützen klar ab und übergeben schon die ersten Briefe. Manche werden schlicht überreicht, manche vorgetragen, vorgesungen, vorgeschrieen um danach heftigst von den Schülern debattiert zu werden oder heimlich, still und leise in der Schülerrobe zu verschwinden. Alte Freunde treffen sich und umarmen sich nach der langen Winterpause, alte Rivalen treffen aufeinander und bekriegen sich schon beim ersten Bissen über die Tische hinweg, kreischen sich an oder starren sich einfach nur gegenseitig in den Boden. Dramen spielen sich ab, klein und groß, leise und laut, hinterhältig und offen. Keine Frage: Wir sind an einer Schule! Und die Teenager-Hormone der siebzehn- bis dreiundzwanzigjährigen spielen verrückt.

Dass zusätzlich zu den Hormonen Magie im Spiel ist macht die ganze Sache nur spannender. Zauberhafte Süßigkeiten wechseln hier den Besitzer, essbare Steine oder Bonbons mit kleinen Zetteln, die dem Spieler verraten welche Wirkung sie haben. Zaubersprüche werden ausgetauscht und vorgeführt. Haustiere vorgestellt. Von zu Hause erzählt. Einen Drogenring soll es hier auch geben, auch wenn die naive Emma davon kaum etwas mitbekommen soll, wenn nicht Ronja von Haus Faust gerade einen ihrer Anfälle hat. Das Abendessen endet mit einer kurzen Ankündigung des Rektors und die Schüler und Professoren verteilen sich im Schloss.

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Am ersten Abend haben die einzelnen Häuser für die Primaner eine Open House Party zum Reinschnuppern und Kontakte knüpfen, eventuell auch um es sich mit einem Haus schon so richtig zu vergraulen, damit man dort bloß nicht reinkommt. Was ist mit den magischen Süßigkeiten, die man angeboten bekommt? Sollte ich die annehmen oder bekomme ich davon Ohrensummen oder einen Liebeszauber untergejubelt? Was ist mit Emmas strengen Eltern, die wollen, dass sie nach der Schule ins Zauber-Ministerium kommt? Findet sie vielleicht hier eine viel bessere Familie? Die vom Haus Molin sind zum Beispiel weiterhin so herzlich und lieb und feiern heute sogar den Geburtstag einer ihrer Mitglieder mit Honigwein und Kuchen.

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Emma soll keines der anderen Häuser besuchen und es sich bis kurz vor der nächtlichen Ausgangssperre im Molin-Gemeinschaftsraum gemütlich machen, nervös an ihren Nägeln kauen und hoffen, dass sie mit auf die Liste der Favoriten macht. Wächter in der Ausbildung, wie sie eine ist, sind hier kaum vertreten. Stattdessen findet man hier viel eher die anderen beiden Ausbildungszweige der Erfinder und Gelehrten. Der Molin-Golem wacht auf seinem Podest und soll laut Tradition wieder zusammen gebaut werden. Manche hier tragen lustige Brillen mit allerlei technischen Gerätschaften daran. Überall im Raum hängen Zettel mit Runenschrift. Und während draußen die “Party des Jahres” steigt ist es hier drinnen ruhig, unterhaltsam und einfach nur schön.

Emma ist pünktlich um Mitternacht im Bett und bekommt von dem Schabernack der Mitschüler, der sich noch bis um zwei Uhr nachts abspielen soll, nichts mehr mit.

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Der Freitagmorgen bringt Frühstück und den ersten Unterricht.

Magietheorie und Ethik bei Professor Fian ist philosophisch und regt mich auch als Spielerin zum Nachdenken an. Weissagung bei Professor Nebel klingt alles sowas von plausibel, dass ich auch als Ylva fest davon überzeugt davon bin nun alles über das Tarotkarten legen und deuten weiß und man mich fragen kann ob man die nächste Prüfung besteht oder im Job Erfolg haben wird, seine große Liebe findet oder einfach nur ein leckeres Mittagessen erwarten kann. Bei Professor Heisenberg lernen wir über Geistesmagie und wie wir unser Gegenüber magisch beeinflussen und sogar dessen Gedanken lesen können.

Das Mittagessen ist wieder trubelhaft und zum Glück darf man sich weiterhin immer am Tisch Molin hinsetzen ohne die Befürchtung zu haben im nächsten Moment verflucht zu werden. Die Haussprecherin von Flamel hingegen macht Emma inzwischen so richtig Angst und Ronja von Haus Faust ist sowas von schräg, dass sie sich lieber neben die laute Charlotte am Tisch Grimm setzen würde oder eine Mutprobe für das Haus Krabat hinter sich bringen könnte.

Der Rektor kündigt nach dem Essen die Bewerbungsgespräche für die Hauslese am Nachmittag an. “Kommt pünktlich, liebe Studenten!” Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Die Nervosität unter uns Primanern steigt von Stunde zu Stunde und die Hauslese ist das Gesprächsthema Nummer eins.

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Der Nachmittag beginnt mit magische Verteidigung und Frau Professor von Faust lässt ganz klar durchblicken, dass sie nicht mit sich spaßen lässt. Die Aura sagt ganz klar: “Keinen Scheiß in meinem Unterricht oder Ihr dürft wieder nach Hause – und strengt Euch gefälligst an, Ihr Möchtegerns! Wir sind nicht zum Spaß hier. Kämpft!” Und so magisch und leicht magische Verteidigung in der Theorie klingt, nach einer Stunde zaubern und Flüchen ausweichen und versuchen diese zu blocken fühle ich mich so als wäre ich nur gerannt.

Ich bin immer noch am Verschnaufen als der Professor für physische Verteidigung den Raum betritt, im schulterfreien Hemd und mit neonfarbenen Sportarmbändern, Goldkettchen, Käppi, Waschbrett-Bier-Bauch und… tatsächlich… einer Flasche Einhorn-Pils in der Hand. Professor Kritzinger (“‘Peppi’, bitte!”) hat offensichtlich einiges auf dem Kasten, doch Seriosität in seinem wienerischem Unterricht scheint nicht so hoch zu stehen wie ausreichende Hydration: “Jetzt holen wir uns alle was zu trinken, denn wer dehydriert ist, der kann sich nicht richtig verteidigen.” Verwirrte Blicke unter den Schülern und anschließendes Stühle scharren, denn anscheinend ist das sein Ernst.

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Fünf Minuten später stehen wir dann zu sechzehnt im Kreis, mit Getränk in der Hand selbstverständlich, und bekommen die erste Einweisung in Verteidigung. “Balance ist neben Hydration das aller-allerwichtigste. Also holen wir jetzt alle unser Lehrbuch heraus, öffnen es auf der Seite mit meinem wunderschönen Aufsatz und stellen uns mit dem rechten Fuß drauf, während wir den linken Fuß ans rechte Knie heben und das Getränk vor uns ausstrecken. Seht Ihr, Herr Direktor? Ich stehe auf unser Buch!”

Den ersten Schreck des Tages bekommen wir mitten in der Erklärung von Schwerttechniken, als eine Banshee in den Raum kommt und das Schreien anfängt. Tja, was macht man da als unerfahrener Primaner? Peppis Antwort darauf: Abwarten, ausprobieren und die Situation mit den Informationen, die wir haben, einschätzen. Zehn Minuten später begleiten wir die Banshee an den Rand vom Düsterwald, wo sie ihren verlorenen Geliebten suchen geht.

Lektion des Tages: Worte sind manchmal hilfreicher als ein Schwert oder ein Fluchzauber.

Das letzte Unterrichtsfach des Tages, Feenkunde bei Professor Piepenbrink, ist nach all der Verteidigung schon richtig tiefenentspannt und wir lernen Feen zu misstrauen und unsere eigenen Schwächen kennenzulernen bevor der Unterricht für den Tag endet und es endlich mit der Hauslese beginnt.

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Diese verläuft wie ein Bewerbungsgespräch im Schnelldurchlauf: Eine Minute Fragen beantworten und selbst stellen an jedem der fünf Haustische und in Emmas Fall vor Fiona von Flamel die Ruhe bewahren und sich auf keinen Handel einlassen. Am besten man schaut ihr nicht einmal in die Augen.

Spätestens beim anschließenden Abendessen ist die Nervosität endgültig am Höchstpunkt angelangt und mir ist sowohl als Charakter, als auch als Spieler richtig übel. Essen geht gar nicht, die Nerven flattern, und hoffentlich mögen sie mich bei Molin genug um mich in ihren Kreis aufzunehmen. Ich gehe aufs Zimmer und hier passiert es nun zum ersten Mal, dass ich ohne offensichtlichen Grund das Heulen anfange. Mir geht es gut. Als Spieler ist es mir ziemlich egal in welches Haus Emma letztendlich kommen wird, denn sicher wird alles irgendwie cool! Doch der Druck ist real und so liege ich auf dem Bett und habe keine Ahnung, was gerade mit mir passiert.

Keine Minute später ist alles vorbei und ich muss über mich selbst lachen. Der heutige Abend wird ein Spaß!

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Emma sieht das anders. Um Punkt acht Uhr abends steht sie im Ballsaal und hat solches Nervenflattern, dass mir als Spieler wieder übel wird. Die Fingernägel bohren sich in die Hand vor Aufregung, der Puls rast und als die Primaner einer nach dem anderen aufgerufen werden und sich zu ihren jubelnden, neuen Häusern gesellen wird Emma nach und nach klar: Sie kommt fast am Schluss an die Reihe. Die Gemeinschaft Molin wächst und wächst…da hat sie wohl keine Chance mehr. Und doch…als Emma Castillo aufgerufen wird und keinen Moment später das gesamte Haus Molin das Jubeln anfängt heule ich schon wieder; vor reiner Freude dieses Mal und eine Sekunde später bin ich der Mittelpunkt einer Gruppenumarmung wie ich sie selten erlebt habe.

Das geheime und atmosphärisch wunderbare Aufnahmeritual bringt mich dann schon wieder zu Tränen der Rührung und der Abend ist gefüllt mit strahlenden Gesichtern. Fast alle von Emmas Primaner-Freunde sind auch hier, es gibt Kuchen und den giftgrünen Cocktail des Hauses, Geheimnisse werden zugeflüstert, smaragdgrüne Haus-Krawatten und Zugehörigkeits-Armbändchen verteilt und Umarmungen ausgetauscht. Selten habe ich mich, auch außerhalb des Spiels, innerhalb einer Gruppe so wohl, so geborgen und so zu Hause gefühlt. Das Armband trage ich auch jetzt noch, während ich dies hier schreibe.

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Emmas Tag endet wieder kurz vor der nächtlichen Ausgangssperre für Studenten um Mitternacht, während in der Taverne noch kräftig gefeiert wird. Auf den Gängen treffe ich Tertianer mit einem Babydrachen auf dem Arm, viele Studenten haben auf einmal eine andere Augenfarbe oder wirken anderweitig verzaubert, lachen, trauern, wüten, trinken, zaubern und feiern. Während der Nacht soll es noch die ein oder andere Dämonenbeschwörung und einen Werwolfangriff geben, eine geheime Hochzeit und andere Ereignisse werden stattfinden, während das gesamte Schloss mit Magie summt. Emma bekommt von all dem nichts mehr mit, denn Ylva versucht schon längst vom Tag abzuschalten und zu schlafen. Gegen ein Uhr ist es dann endlich soweit. Frühstück gibt es um 7.30 Uhr. So ein Zauberer-Alltag ist mächtig anstrengend…

Frühstück gibt es mit korrekt gebundener Krawatte an “meinem Haustisch”. Was ein tolles Gefühl!

Die Nacht steht vielen Spielern und Charakteren ins Gesicht geschrieben. Professor von Faust hat Geburtstag und hat wohl eine ordentliche Fete geschmissen bekommen…sie sollte man heute nur leise und vorsichtig ansprechen. Der Dozent für Feenkunde hat auf einmal noch mehr seltsame Tätowierungen auf dem Gesicht als vorher schon, Ronja hat auf einmal hellbraune Augen, und im Gegensatz zum Vortag ist der Speisesaal fast schon bedrückend leer. Ausschlafen ist für viele heute wohl wichtiger als die erste Mahlzeit des Tages.

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Thema Nummer eins an diesem Tag ist der Ball, der am Abend stattfinden soll. Wer hat schon eine Verabredung, wer noch nicht? Wer muss verkuppelt werden (denn keiner geht hier alleine zum Ball!) und muss zum Date Doctor seines Hauses? Wer trägt was? Wer geht mit wem? Ist es ein romantisches Date oder ein freundschaftliches? Mann oder Frau oder keines von beidem? Weiß jemand mit wem der Rektor gehen wird? Da gab es doch ein geheimes Interesse seinerseits an Professorin Nyx! Vielleicht kann man ihn noch verkuppeln und einen mächtigen Punktebonus für sein Haus bekommen?

Der Unterricht beginnt zu früh in Anbetracht der nächtlichen Feierlichkeiten und scheint auch knapper besucht als am Vortag, wenngleich nicht weniger interessant. Ist es magie-theoretisch ethisch korrekt Tier-Ingredienzien für das Brauen eines magischen Trunks zu beschaffen? Wie versetzt man jemanden in eine Trance für Weissagung und wie geht man damit um? Wie zaubere ich komplexe Emotionen?

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Und wie sehr doch die Hauszugehörigkeit unter den Primanern auf einmal alte Bande zerrissen hat und neue formt. Die Feindseligkeit ist teilweise zu schmecken!

Mittagessen und arrangierte Verkupplungen für die Studenten ohne Date für den Ball.

Wie wehre ich mich von einem Fausthieb-Zauber und was war noch einmal die Formel für den Sing-Fluch? Was mache ich, wenn ein Schüler verletzt wird?

Was mache ich, wenn im Nachbar-Klassenzimmer auf einmal ein Minotaurus frei gelassen wird und eine Klasse Drittklässler bedroht? (Peppis Tipp: Abwarten ob die Tertianer es ohne Dich schaffen und seinen schweren Hammer holen, der laut OT-Notiz zu schwer für Dich ist!)

Wie bringe ich ein Paar Feen dazu den Frühling zurück zu bringen ohne meine Seele, mein “Ich” oder vielleicht sogar etwas Schlimmeres an sie zu verkaufen?

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Fotosession für die Häuser.

Abendessen.

Für den Ball trifft man sich vor den Gemeinschaftsräumen der Häuser und dieses Mal in umgekehrter Reihenfolge als beim ersten Schultag: die Primaner zuerst, die Tertianer am Schluss. Die Lehrer stehen mit ihren Dates bereits unten vor dem Ballsaal. Die Aufregung ist wieder allgegenwärtig, die Angst versetzt zu werden allerdings nur gering – hier muss keiner alleine sein! Umso größer ist das gegenseitige Bestaunen der Garderobe: Ballkleider, Cocktailkleider, Fracks, leuchtende Kleidung… alles ist vertreten.

Pünktlich um acht Uhr beginnt die Prozession nach unten in den Ballsaal, es gibt Sekt und die Professoren ziehen zuletzt in die Halle ein. Nach einer kurzen Eröffnungsrede des Rektors beginnt der Ball mit einem Walzer… kaum einer weiß wie, aber man wackelt sich schon irgendwie durch. Wie schon im Unterricht gilt hier: Tu so als wüsstest Du was Du tust. Mach Dein Ding. Wird schon alles richtig sein!

Nach dem Eröffnungstanz leert sich der Saal und man steht für die Portraitfotos im Ball-Paar, einzeln oder in anderer Konstellation an. Währenddessen werden die Bars der Häuser geräumt und im Schloss verteilt, damit sich jeder bedienen kann, wie er mag.

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Zurück im Ballsaal spielt 80er Musik und im Gegensatz zur Eröffnung ist wenig los, doch Emma ist Alkohol nicht gewohnt und hat den Spaß ihres Lebens. Ylva auch.

Nach dem letzten Song gibt es eine Rede vom Rektor und die Verleihung des Hauspokals. Verlierer-Reden werden gehalten, mit anschließendem einstimmigem Aufrufen des jeweiligen Hausmottos, bis schließlich Haus Grimm mit der Gewinner-Rede auf dem Siegerpodest steht und schreiend verkündet, dass wir alle im N.I.M.B.U.S. zusammenhalten müssen und allseitiges, zustimmendes Gejubel erntet. Keine Frage: Im Haus Grimm weiß man zu feiern! Die N.I.M.B.U.S. Hymne wird gesungen und Stefan tritt auf die Bühne um das Spiel offiziell für beendet zu erklären.

Die Halle tobt!

* * *

Später auf dem Gang treffe ich Professorin von Faust und lache herzlich mit ihr über ihre Rolle, umarme die Spielerin der herrlich inszenierten Androidin Cecilia_X87, gebe Professor Nebel mein höchstes Lob und möchte am liebsten gar nicht ins Bett gehen, obwohl ich mit meiner Energie mehr als nur am Ende hin.

Die Feierlichkeiten gehen bis in den Morgen und am nächsten Tag sitzt Ylva abends zu Hause und findet es trotz Baustellenlärm, Katzenmiauen, Hörbuch in der Dauerschleife (um wenigstens irgendeine Stimme zu hören) und Klaviergeklimper von Nebenan einfach viel zu unheimlich still und leise.

Mein Fazit: Der Post-Con-Blues von dem alle schon am Frühstück vor dem Spiel berichtet haben ist real. Jessi und ich sind müde nach Hause gefahren, erschöpft von vier Tagen Programm und viel zu vielen Eindrücken um sie direkt verarbeiten zu können und doch irgendwie hat man das Gefühl “da wäre locker noch mehr gegangen”. Man fühlt sich wie erschlagen und doch ist es seltsam, wie gut es einem dabei geht. Wie aufgeräumt man sich fühlt, wie zugehörig und neugeboren. Für mich war es ein emotionaler Reboot. All die Sorgen und der Stress der vergangenen Monate ist passé. Nach nur vier Tagen Auszeit.

*photo by Przemysław Jendroska for Dziobak Larp Studios

An Schlaf ist während der nächsten zwei Nächte trotz Übermüdung kaum zu denken. Man liegt im Bett und läuft gedanklich sofort wieder durch das Schloss, sucht nach Abenteuern, trifft Freunde und lächelt in sich hinein. Es ist zu ruhig im eigenen Bett, die Erschöpfung des Tages nicht “genug”, die Emotionen zu sehr damit beschäftigt das Erlebte endlich komplett zu verarbeiten. Man fühlt nach seinem Molin-Bändchen am Arm und spürt wieder das Herzklopfen vom Aufnahmeritual, die Gänsehaut, die Umarmungen… möchte zurück. Jetzt. Sofort!

Egal, dass man am Samstagnachmittag noch meinte man wäre zu kaputt um überhaupt vor dem Mittagessen aufzustehen und zum Verteidigungsunterricht zu gehen. Egal, dass man auf der Rückfahrt zu zweit im Auto saß und versucht hat sich gegenseitig am Laufen zu halten. Denn spätestens zwei Tage nach dem LARP sitzt man an seinem Rechner und schaut, wann das nächste CoW stattfinden wird. Das deutschsprachige erst wieder im Februar 2018, doch da gibt es auch noch die englischsprachigen… man beginnt zu träumen. Und ich überlege nicht einmal ob ich wieder teilnehmen werde, sondern wann.

*photo by Przemysław Jendroska for Dziobak Larp Studios

Denn eine halbe Woche mit knapp 200 wunderbaren Menschen in einem Schloss liegt hinter mir. Eine halbe Woche Emotions-Achterbahn, Tränen jeder Geschmacksrichtung, Menschen mit der gleichen Leidenschaft, Erfahrungen aus liebevollen Momenten, rührenden Eindrücken und einfach einer herrlichen Zeit die ich tief in Erinnerung behalten werde.

Tausend Dank an die Organisatoren, die all dies erst möglich gemacht haben. Eine warme Umarmung an alle Beteiligten, alle Helfer und die Spieler, insbesondere an alle aus dem Hause Molin. Es war mein erstes LARP überhaupt und Ihr habt es mir so wunderbar gestaltet, mich in Euren Kreis aufgenommen und mir das Gefühl gegeben, dass das Schloss Zamek Kliczków mein zweites zu Hause ist, mit Euch als meiner Familie. Auf immer und ewig. 

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Ihr seid wunderbar und ich freue mich riesig auf das nächste Mal bei dem es hoffentlich wieder heißt: “Blut bindet. Treue eint!”

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